FLUX – Zugzwang

Leseprobe

FLUX – Zugzwang ist trotz seiner Zusatzinhalte, die u.A. per AR abrufbar sind, ein normaler Fantasy-Roman.
Es folgt die Leseprobe zu diesem.

Kapitel 1: Lyderia im Imperium des Westens – Rhiel

Fünf Tage zuvor …

Gewitterblitze offenbarten das Antlitz eines jungen Mannes, der durch die überfluteten Gassen Lyderias stapfte. Der Regen perlte an seiner Kapuze ab, lief auf seinen Umhang, der weniger Ihn, mehr seine Tasche schützen sollte.

Fahler Laternenschein wies ihm den Weg, ehe er durchgefroren an seinem Ziel ankam, gegen eine Holztür schlug und abwartete.
Ein kurzes Murren, sie öffnete sich. Er huschte hindurch, schloss sie schlagartig – schnaufte erlöst und warf den Mantel in eine Ecke, wobei ihm das lange, schwarze Haar ins Gesicht fiel und die tiefblauen Augen kurz verdeckte
.

Endlich zuhause. Die Lederstiefel hinterließen wässere Abdrücke im altbekannten Labyrinth. Er lief vorbei an Apparaturen, Bauteilen, verschiedenstem Krempel, mehreren Gebirgen aus Stahl und Eisen, Behältnissen und Kristall, die abstrus durcheinander, schier endlos getürmt das Heim des bekanntesten Alchemisten des westlichen Imperiums auszeichneten.

Acalon saß an seinem von Werkzeug und Papierbergen völlig überschwemmten Schreibtisch und zeichnete an einem Bauplan.
»Schon wieder Schrammen und Brandspuren?« Der Junge, zeigte auf den ramponierten Kittel des Alchemisten.
»Häh?« Der Alte grunzte, war verwirrt. »Was meinst du, Lycon?« Eindringlicher Blick, ein kurzer Moment des Schweigens, dann Erleuchtung. »Achso.« Er wunk ab. »Das Übliche.« Acalon beachtete ihn nicht weiter, versank in seiner Arbeit – bis er sich erinnerte, realisierte, dass er Lycon zur Abholung eines Päckchens entsandt hatte.

»Ach ja.« Der Alte grinste, klappte die goldene Brille mit den dutzenden voreinander platzierten Linsen hoch und sah den Jungen neugierig an. »Hast du das Arkanit?« Lycon öffnete die Tasche.
»Zusammen mit einem Brief von Soric.« Acalon runzelte die Stirn.
»Was will er dieses Mal?« Gespannt nahm er den Brief entgegen, überflog ihn und brach in lautes Gelächter aus.
»Soric, der Irre, will eine neue Belagerungswaffe, mit der er die ‚Grenzen der Eisernen Front‘, wie er maßlos geschwollen betont, brechen kann.« Der zynische Ton war klarer als die Lycon bevorstehende Erkältung. »Waghalsiges Vorhaben.« Acalons Worte, schlagartig nüchtern.

»Kennen wir den Zeron denn anders?« Acalon hielt inne, schlug den Brief auf den Schreibtisch, stand auf, knöpfte den zerzausten Kittel zu und nahm – nur ein wenig übertrieben – eine Denkerpose ein.
»Die Frage ist«, er seufzte, »wollen wir es anders?« Lycon verkniff sich das Lachen, die Inszenierung war altbekannt, doch legendär. »Natürlich könnten wir Avadur auch einfach weiter in Schach halten, doch diese Fanatiker setzen uns unter Druck, provozieren endgültige Maßnahmen.«
»Das Leiden des ressourcenarmen, bedürftigen Südens.«

»Ja natürlich!« Acalon nickte, bejahte mehrfach, wandte sich um und betrachtete den Brief erneut, um vorzulesen. »Pass auf! ‚Zur Beendigung der Tyrannei durch Avadur und dessen Regime benötigt das Imperium eure Hilfe.‘ So förmlich! Wir kennen uns bald dreißig Jahre!« Lycon grinste, Acalon fuhr fort. »Eine Äther-Artillerie, die dem Feind mit ungeheurer Kraft, Resistenz und Mobilität aufwartet – mit dieser, welche die Konstruktionen Avadurs übertrifft, haben wir nicht nur eine Chance, sondern vor allem auch die Sicherheit, bald das Ende des Krieges herbeizuführen.‘« Er grunzte vor Lachen, verschluckte sich fast dabei. »Was für eine Propagandaschrift. Der Krieg gegen diese elendigen Fanatiker ist doch immer fast gewonnen. Und das seit bald wie vielen Jahren?« Lycons Einsatz.
»Siebzehn.« Acalon nickte, grunzte erneut.
»Ich hab schon aufgehört zu zählen.« Der Alte fasste sich wieder, war schlagartig konzentriert, schien gefesselt von dem Dokument. »Ich sehe gerade sein Konzept – genial! Die Idee kam mir bereits vor Wochen.« Kopfschütteln bei Lycon – die Ahnung wurde bestätigt.

Daran tüftelt der Alte also die ganze Zeit. Die Erprobungsvorfreude war dem Alchemisten anzusehen. Garantiert hat er mich nur deswegen in dieses Mistwetter hinausgesandt. Auf den Monolog folgte Neugier.
»Wann können wir sie testen?«
»Die Tasche!« Mit einer hastigen Handbewegung forderte Acalon das Gepäckstück. Kaum zugeworfen durchsuchte er es, beinah gierig, definitiv euphorisch, zog nach ein paar Sekunden einen melonengroßen, kantigen Arkanit-Kristall aus dieser.

Rötliches glühen, eingeschlossen in einen Brillantschliff. Höchste Qualität, wie sie ausschließlich der Orden des Nordens zu liefern vermochte.
»Dank diesem Exemplar jederzeit. Aber zuvor…« Er verlor den Faden, bemerkte einen Aspekt des Bauplans und verlor sich in der Überarbeitung von diesem. Dass Lycon den Raum verließ bemerkte er nicht.

Der Junge stieg die hölzerne Treppe in den Dachstuhl hinauf und betrat sein einer Bibliothek gleichendes Zimmer. Über den roten Teppichen, vorbei an Bücherstapeln und Notizen schritt er auf seinen Ohrensessel zu und ließ sich in diesen fallen. Streichholz, kratzen; er entzündete eine Kerze, tauschte diese mit dem Buch auf dem Tisch und begann zu lesen, widmete sich erneut den Lehren der erweiterten Militärstrategie des westlichen Imperiums. Bald vorbei. Er arbeitete sich durch die zähe Lektüre, erinnerte sich der Worte Acalons. Wenn du in der heutigen Zeiten etwas erreichen willst, musst du dich auch damit auseinandersetzen. Anders kommst du nicht an den Hof des Zeron von Rhiel. Mein Wort allein reicht nicht, wenn du nichts leisten kannst!

Recht hatte er, die Disziplin triumphierte. Lycon versank in der Schrift, sah nach einer Weile auf, legte das Buch in seinen Schoß. Es ist mehr als bloße Disziplin, die mich leiten. Lycon reflektierte, analysierte – bezog sein Wissen aus anderen Quellen ein und verfasste einen inneren Essay:

Die Bedürfnisse einer Gesellschaft bestimmen maßgeblich ihr Bild. Rhiel steht für Tradition, Stärke und Unabhängigkeit. Die letzteren beiden Aspekte begründen unseren Fokus auf Militär und Infrastruktur. Denn nur wer gut gerüstet schnell und diszipliniert agieren kann ist im Ernstfall wehr- und handlungsfähig. Diese Maxime prägt das Denken des herrschenden Hauses Flasyra schon seit Anbeginn des westlichen Imperiums. Unter dem Begründer dieser Dynastie erkämpften wir unsere Freiheit und wahren sie bis heute, vereint unter dem schwarzen Phönix-Banner des Zeron von Rhiel.

Zur Historie von Rhiel

Jedes Imperium hat eine Geschichte. Erfahre hier, wie Rhiel gegründet wurde, seine Unabhängigkeit erlangte und welche Werte es fortan prägen – in drei Kurzgeschichten.

Doch nur durch Verteidigung allein werden wir dem Fanatismus des Nordens nie ein Ende setzen. Wir müssen die Wurzel allen Übels anpacken: Avadur vom Einfluss des Ordens befreien, ehe dieser in seinem transzendentem Wahn eine neue Despoten-Riege wie einst die Aszendenten hervorbringt: Jene falschen Götter, die uns die Macht des Arkanit vorenthielten, seine Nutzung perfektionierten und aus ihrer Dekadenz heraus alle Völker dieser Welt versklavten.

Soric ist von der Notwendigkeit von Verbündeten für dieses Vorhaben überzeugt und stellte sich gegen die Tradition der außenpolitischen Neutralität, als er begann mit der Hegemonie des Ostens gemeinsame Sache zu machen: Die Metropole Tycos, beherrscht vom Konzern-Konglomerat, beutet seit jeher ferne Provinzen und Kolonien aus, um den obszönen Reichtum in der Heimat zu sichern.

Es ist eine Kleptokratie, die unter dem Deckmantel von Fortschritt und Wohlstand drakonisch diktatorische Maßnahmen der Ordnung rechtfertigt und oftmals von Unternehmungen wie Ausbeutung und Krieg profitiert – und folglich ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieser Zustände hat.

Ihre Werte stehen diametral den Unseren entgegen und doch einigte man sich auf der Basis einer gemeinsamen Ambition: Die Macht des Nordens brechen, um die eigene Lebensweise zu sichern. Die Realität jedoch zeigt, dass die Macht des Ordens nur begrenzt wird – bis zu dem Grad, wo sie einigen wenigen mehr nützt als schadet. Lycon grinste, ertappte sich selbst. Denn der Kristall, den er Acalon geliefert hatte, war vom einem Lieferanten des Ordens. Keiner ist unschuldig. Alles ist verwoben.

Er setzte seinen inneren Essay fort: Der gemeinsame Krieg von Rhiel und Tycos gegen Avadur nimmt kein Ende. Stattdessen löst er das Problem des begrenzten Wachstums durch ständige Zerstörungs- und Wiederaufbaumaßnahmen. Er erzwingt gewalttätig den Bruch einst unbeweglicher Strukturen in Politik und Gesellschaft und schafft so dem Konflikt zuträgliche Innovationen. Das System wird immer effizienter und erhält sich selbst. Lycon erkannte zum einen die Brillanz, sah auf der anderen Seite jedoch auch ein, dass es falsch war sowas aufrecht zu erhalten oder anderweitig zu unterstützen: Diese Kriegswirtschaft ist eine mit Blut geölte Maschine, die der Ressourcen-Armut und einer Bedrohungssituation entspringt, unsere Gesellschaft militarisiert, uns an die Hegemonie bindet und vornehmlich den tycanischen Konzernen und deren Oberkommando nützt. Diese Politik ist ihr ertragreichstes Exportprodukt und ein perfider Versuch uns wieder einzugliedern, nachdem wir uns vor Jahrhunderten die Freiheit von der damaligen Hegemonie des Ostens erkämpft hatten.

Zur Historie von Tycos

Die Handlungen der Hegemonie des Ostens hat letztlich Rhiel hervorgebracht. Erfahre in drei Kurzgeschichten alles über die Geschichte und Ideologie von Tycos.

Acalon hatte Lycon im traditionellen Geiste Rhiels wie seinen eigenen Sohn erzogen und viel über die Geschichte des Imperiums gelehrt. Entsprechend formulierte Lycon seinen Standpunkt: Aus meiner Sicht wahrt das Zweckbündnis mit Tycos weder die Tradition Rhiels, noch unseren Anspruch auf wahre Unabhängigkeit. Unter Soric steht lediglich die Stärke des Imperiums im Fokus und damit seine militärische Macht. Er hat sich zum Versall der tycanischen Hegemonie gemacht. Ob aus Zwang oder Eigeninteresse weiss ich nicht, doch genau das gilt es herauszufinden!

Zielstrebig las er weiter, dachte dabei aber parallel an die Folgen der Politik des Zeron, was ihn anwiderte und letztlich weiter motivierte: Wie viele Familien haben Mitglieder wegen dieser Kriegsökonomie verloren, die vom ständigen Zerstören und Wiederaufbauen profitiert? Wie vielen wurde ein freies und gutes Leben in Wohlstand verwehrt, weil einige wenige ihre Interessen, über die der Allgemeinheit stellen?

Er erinnerte sich in diesem Moment auch seiner Eltern, beides hochdekorierte Offiziere, die ihn einst bei Acalon ließen, mit einer Umarmung und guten Worten verabschiedeten und selbst in den Krieg zogen und nie wiederkehrten.
Lycon ballte eine Faust, kniff die Zähne zusammen, beherrschte seine Emotionen und fasste sich wieder. Solange ich nicht in einer Machtposition bin, um all dies aufzuklären muss ich das Spiel mitspielen. Mich anpassen. Die Agenda von Soric mittragen, um meiner eine Chance auf ihre Umsetzung zu bringen.

Dies war seine These. Lycon antizipierte die Zukunft und bereitete sich bestmöglich auf seine Rolle in dieser vor. Es war Ambition, die ihn trieb. Der Wunsch nach der Macht etwas zu verändern. Er blickte erneut in die Geschichte und fasste seine Gedanken nochmal zusammen: Tycos war schon immer für seine moralische Inkonsistenz bekannt. Sie nutzen die Not der Völker, situieren sich gut, lassen Rhiel für sich kämpfen und erpressen im Verbund den Ausbau der Kriegsökonomie; machen uns von ihr abhängig, wie sie es bereits sind. Und akzeptieren tun wir dies nur, weil die Diktatur des Nordens nach dem Süden strebt, in ihrem transzendenten Wahn ihre Macht, ihre Ressourcen missbraucht und den südlichen Lebensstil nicht toleriert – eine für Tycos willkommene Situation, sofern Avadur in Schach gehalten bleibt.

Zur Historie von Avadur

Der Nexus des Nordens ist der Grund für den widerwilligen Zusammenschluss von Rhiel und Tycos im Süd-Bündnis. Erfahre mehr in zwei Kurzgeschichten.

Es ist kein Wunder, dass diese Materialschlacht seit siebzehn Jahren tobt. Ein Ende ist erst im Interesse der Hegemonie, wenn die Kosten der Kriegswirtschaft ihren Nutzen nicht mehr rechtfertigen oder gar die Lebensgrundlage der tycanischen Oligarchie höchst selbst bedroht. Diese Gedanken weckten Zielstrebigkeit. Den ersten Schritt auf seinem Weg hatte ihn die Ausbildung durch Acalon bereitet. Ich werde dem Rat des Hauses Flasyra beitreten und das Ende des Krieges herbeiführen. Avadur muss besiegt, die Gier der Konzerne eingedämmt, das Volk vor der Kriegsökonomie bewahrt werden.

Er schöpfte neue Kraft, wandte sich seinem Buch zu, kam schneller durch, als erwartet und genoss abschließend noch eine andere Lektüre. Betitelt als Diskurs über die Relevanz der Unabhängigkeit der tycanischen Frontprovinzen schien sie ihm ein probates Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele.

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